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Die Schlacht um Stalingrad 1942/43:
Überlebende erinnern sich
Panzerfahrer Johannes Hellmann aus Dessau:
»Das Leid quält mich bis heute«

  Mit freundlicher Genehmigung von Gerald Praschl
 

Johannes Hellmann (78) sprach über die furchtbaren Erinnerungen an Stalingrad jahrzehntelange überhaupt nicht. Wie so viele, die dabei waren, verdrängte er das Unfassbare, das er miterleben musste
" Nicht einmal mit meiner Frau und meiner Tochter konnte ich darüber sprechen. Ich wollte nicht daran erinnert werden. Nur in seinen schlimmsten Träumen bleibt das Schreckliche lebendig. Auch noch nach 60 Jahren. "Dieses Leid quält mich heute fast mehr als damals", sagt er dem SUPERillu-Reporter. Kaum hat er angefangen zu erzählen, brechen Tränen aus ihm heraus, er schluchzt bitterlich. Die Hölle von Stalingrad lässt ihn nicht los.

Der Marsch auf Stalingrad. Johannes Hellmann, geboren 1924, wuchs in Dessau auf. Seine Eltern hatten ein Schuhgeschäft. Mit 15 begann er eine Lehre als Schaufensterdekorateur. Dann holte ihn der Krieg ein. Kurz nach seinem 18. Geburtstag, im Februar 1942, wurde er eingezogen. Nach der Ausbildung zum Panzerjäger kam er im Frühsommer 1942 an die Front. Hier seine Erzählung: "Wir marschierten vom Donezk-Becken in Richtung Stalingrad. Quer durch die ausgedörrte Kalmückensteppe. Dort hat es im Sommer 60 Grad, nur Sand und Gras. Anfang August erreichten wir Stalingrad. Erst wurde die Stadt zusammengeschossen. Dann rückten wir ein. Meine Einheit machte in einem Vorort Halt. Wir bauten uns aus Trümmern Unterstände.

Der Angriff der Russen. Bis zum 18. November war es noch sehr warm. Wir trugen Sommersachen. Am nächsten Morgen lag die Steppe unter einem Eismeer. 20 Grad unter Null. Wir froren wie die Hunde. Unsere Mäntel waren noch beim Tross hinter der Front. Wir sahen sie nie wieder. Denn am selben Morgen begann der Angriff. Eine Million Russen stürmten unsere Linien. Sie schossen aus allen Rohren, Flak, Stalinorgeln, Kanonen. Über Funk hörten  wir, dass sie hinter uns durchgebrochen waren. Sie hatten uns eingekesselt.

Gefangen in der Todes-Falle. Unsere Munition reichte nur für einige Tage. Und es wurde immer kälter, zuletzt 45 Grad unter Null. Ich fand einen toten Russen. Dem zog ich Stiefel und Pelzjacke aus. Nach 14 Tagen bekamen wir nur noch Wassersuppe und ein kleines Stück Kommissbrot pro Tag. Fast täglich griffen die Russen an. Überall lagen Tote, eigene Kameraden und Russen. Den Kopf zerschmettert, die Beine ab, einer hatte einen Treffer im Bauch, dem hingen die Gedärme heraus. Um nicht zu verhungern, aßen wir das faule Fleisch verendeter Pferde. Ich bekam Durchfall, die Ruhr.Und das Wolhynische Fieber, eine Krankheit ähnlich wie Malaria, von Läusen übertragen. Wir hatten keine Hoffnung mehr, lebend rauszukommen. Es ging nur noch darum, die nächste Stunde zu überstehen. Nachts hörten wir die Lautsprecher der Russen, die uns aufforderten, uns zu ergeben. Aber für uns galt auch die Kriegsgefangenschaft als sicherer Tod.

Häuserkampf an der Wolga. Unser Treibstoff ging zur Neige. Als die Tanks leer waren, sprengten wir die Panzer in die Luft, damit sie nicht den Russen in die Hände fielen. Die letzten Wochen kämpften wir als Infanteristen in den Ruinen. Am Neujahrstag 1943 wurde ich unten an der Wolga durch eine Granate am Bein verwundet. Das rettete mein Leben. Zwei Tage später flog man mich aus. Im Fieberwahn bekam ich kaum etwas mit. Nur, wie das Flugzeug sich senkrecht in die Luft schraubte. In Rostow am Don wurde ich mit unzähligen Verwundeten in Viehwaggons verladen. Drei Wochen fuhren wir gen Westen. Bei jedem Halt luden sie Tote aus. Die Schwerstverletzten starben wie die Fliegen.

Die verlorene Jugend. Nach vier Monaten Genesung musste ich wieder nach Russland. Kurz vor Kriegsende erneut verwundet, brachte man mich in ein Lazarett nach Gelsenkirchen. Dort nahm mich die britische Armee gefangen. Zweieinhalb Jahre musste ich in einem Bergwerk arbeiten. Ende 1947 durfte ich nach Hause. Dessau war zerstört, meine Eltern umgekommen. Auch fast alle Freunde - tot. Ich war 24 Jahre alt. Meine schönste Jugendzeit hatte ich in Russland an der Front verbracht. Das habe ich am meisten verflucht."

Johannes Hellmann ging 1950 mit seiner Frau in den Westen. Er arbeitete dort als Schaufenster-Dekorateur, zog als Rentner ins niedersächsische Dannenberg.

 

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Johannes Hellmann als 78jähriger Rentner im niedersächsischen Dannenberg (Foto: M. Handelmann). Darunter: Hellmann mit Stahlhelm und der schwarzen Uniform der Panzerfahrer kurz nach seiner Einberufung 1942. Damals war er 18 Jahre alt. Darunter: Johannes Hellmann (Mitte) mit Kameraden als 20jähriger Soldat in Russland 1944. Letztes Foto: Hellmann (3.v. rechts) als Gefreiter mit Kameraden 1944. Damals befand sich die Truppe bereits auf dem Rückzug.