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Die Schlacht um Stalingrad: Überlebende berichten

Melder Erich Burkhardt aus Oelsnitz/Vogtland:
»Ich sah die Kameraden verdursten«


Mit freundlicher Genehmigung von Gerald Praschl

Vom ersten Tag an musste Erich Burkhardt  im Zweiten Weltkrieg kämpfen. Bei Kriegsausbruch im September 1939 wurde der damals 20-jährige Maschinenschlosser aus Oelsnitz eingezogen. Erst kämpfte er in Frankreich. Im Sommer 1941 kam er an die Ostfront, nach Russland.

Erich Burkhardt: "Seit Frühsommer 1942 marschierte n wir mit der »6. Armee« der Wehrmacht vom Donezk-Becken aus Richtung Stalingrad. Am 24. August setzten wir unter vielen Verlusten bei Kalatsch über den Don. Je weiter wir an die Stadt herankamen, desto härter wurde der Widerstand. Weil ich als einer der wenigen einen Führerschein hatte, war ich mit dem Wagen des Kommandeurs als Melder im Einsatz. Bis kein Benzin mehr da war. Von da an war ich zu Fuß unterwegs. Unsere Division kämpfte im Süden von Stalingrad. Als wir Mitte November 1942 erfuhren, dass wir von den Russen eingekesselt sind, haben wir erst noch gelacht. Doch bald mussten wir erkennen, dass die Lage ernst ist. Bis Weihnachten hatten wir alle Hoffnung verloren, noch herauszukommen. Am 8. Januar warfen die Russen Flugblätter ab. Da stand sinngemäß drauf: Gebt auf! Euch erwartet in der Gefangenschaft Essen, eine gute Unterkunft, schöne Frauen und eine baldige Heimkehr. Doch der Chef der 6. Armee, Paulus, befahl uns, bis zuletzt weiterzukämpfen. Wir dachten auch gar nicht daran überzulaufen. Denn wir fürchteten die Gefangenschaft mehr als die Hölle im Kessel.

Der Überlebenskampf.
Jeden Tag starben Tausende Kameraden. Das war kein heroisches Sterben für Führer, Volk und Vaterland. Die sind elendlich krepiert. Wir hatten dabei noch Glück, denn wir lagen in den schützenden Ruinen der Stadt. Am ärmsten waren die dran, die draußen in der eiskalten Steppe ausharren mussten. Ich sah selbst, wie sich viele von ihnen mit erfrorenen Beinen auf Knien vorwärts schleppten, um bei uns in der Stadt Schutz zu suchen. Wer verwundet wurde, blieb einfach liegen. Keiner kümmerte sich mehr darum. Die schrien so lange, bis sie verblutet waren.

Das Ende. Einige Kameraden begingen kurz vor Schluss Selbstmord. Unser Divisions-Kommandeur, General von Hartmann, stellte sich ganz offen auf den Bahndamm und wartete auf die Todeskugel. Am 31. Januar 1943 standen die Russen vor unserem Keller. Wir warfen die Waffen weg. Sie führten uns hinaus auf den Roten Platz im Zentrum von Stalingrad. Dort sah ich, wie die Russen Generalfeldmarschall Paulus abtransportierten. Der Mann, der uns befahl, bis zuletzt zu kämpfen, hatte sich selbst einfach so ergeben.

Im Todeszug nach Usbekistan. Was ich dann erleben musste, war schlimmer als der Kessel. Die Russen verluden uns in einen Zug, je 100 Mann pro Vieh-Waggon. Sie gaben uns kaum zu essen. Und was noch schlimmer war: nichts zu trinken! Durch die Ritzen in der Wand des Waggons, der durch Russland ratterte, mussten wir mit ansehen, wie draußen Dampfloks mit Wasser aufgefüllt wurden. Und wir waren dabei, jämmerlich zu verdursten! Das Sterben begann. Wir warfen die Toten auf einen Haufen in der Mitte des Waggons. Bald hatte keiner mehr Kraft, ihre Körper zu bewegen. So mussten sich die Sterbenden selbst auf den Haufen schleppen. Die untersten Körper begannen schon zu verwesen. Als sich nach 22 Tagen in Usbekistan die Türen öffneten, waren in unserem Waggon noch 6 Mann am Leben, 94 tot. In manchen Waggons hatte keiner überlebt.

Das Grauen der Lager. In dem Gefangenenlager gab es kaum zu essen, Malaria, Ruhr und Fleckfieber grassierten. Von Februar bis Mai 1943 starben von den 6 000 Überlebenden der Todeszüge alle bis auf 1 200 Mann. Mitte Mai verlegte man mich in ein Arbeitslager an den Ural. Auch dort gab es nur schwere Arbeit und kaum Essen. Am Schluss wog ich noch 44 Kilo.
Im August 1945 hatte ich das eine Mal Glück. Eine Lagerärztin bescheinigte mir, dass ich wegen Unterernährung arbeitsunfähig sei. Ich durfte nach Hause.

Das Schweigen. Daheim in Sachsen wurde mir schnell klar, dass ich über meine Erlebnisse in den Sowjetlagern besser schweigen sollte. Die Gräuel in den Lagern waren in der DDR ein Tabu-Thema. Erst nach 1990 konnte ich offen darüber reden. Ich fahre seitdem zu Treffen ehemaliger Stalingrad-Soldaten. Dort sind auch russische Veteranen eingeladen. Als junge Männer wurden wir aufeinander gehetzt und mussten uns gegenseitig umbringen. Heute begegnen wir uns wie Freunde und Leidensgenossen.

Die Todeszüge nach Usbekistan, von denen Erich Burkhardt berichtet, waren einer der schlimmsten bekannten Exzesse gegen deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion. Tausende Männer starben dabei. Es gibt aber auch Kriegsgefangene, die von guter Behandlung berichten. Von 3,3 Millionen deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion kehrten 1,3 Millionen nicht zurück.

 

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Erich Burkhardt als 83jähriger Rentner im Jahr 2003 in seinem Haus in Oelsnitz/Vogtland.(Foto: Nikola Kuzmanic). Darunter Burkhardt als 17jähriger 1935 und als Soldat im Krieg