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Stalingrad zählt zu denjenigen Großstädten der Sowjetunion, die in den 25 Jahren vor dem Krieg aus mittleren Provinzstädten zu gewaltigen Industriezentren angewachsen sind und sich zu
Schwerpunkten der Wehrwirtschaft entwickelt hatten. Zwischen 1926 und 1939 wuchs die Einwohnerzahl von 150 000 auf ca. 500.000 Einwohner.
Die Stadt erstreckt sich in einer Länge von fast 20
Kilometern ausschließlich am Westufer der Wolga hin und setzt sich dann nach Süden in einer 30 Kilometer langen Kette von Industrievororten fort.
Diese Entwicklung verdankt Stalingrad in erster Linie seiner außerordentlich günstigen Lage am Wolgaknie sowohl wie am Ausgangspunkt der von dort abzweigenden Eisenbahnlinien nach dem
Moskauer Raum, dem Donezgebiet und dem Kaukasus. Aus dieser Lage heraus wurde es zu einem der bedeutendsten Umschlagplätze für Massengüter.
Große Teile der Kohlenförderung des östlichen Donezgebietes, des dort anfallenden Kokses und sonstiger Erzeugnisse der Schwerindustrie zwischen Donez und Dnjepr wurden in Stalingrad auf
Binnenschiffe umgeschlagen, um die Wolga aufwärts in das Industriegebiet an der oberen Wolga oder auf der Kama weiter in das Industriegebiet des Ural zu gelangen.
Die Getreideüberschüsse aus dem nordkaukasischen Raum und den Gebieten am unteren Don gingen zum großen Teil ebenfalls nach Stalingrad und von dort die Wolga aufwärts, in den Moskauer
Raum sowie in die großen Getreideläger an der Kama zur Versorgung des Uralgebietes. Stalingrad selbst wurde dadurch der bedeutendste Getreidespeicherplatz der UdSSR. Hand in Hand ging damit das Entstehen von
Getreide und Ölmühlen und zahlreicher Betriebe der Lebensmittelindustrie.
Die Lage direkt an der Wolga, der wichtigsten Öltransportstraße in der Sowjetunion, auf der jährlich ca. 70 Mio. t Rohöl aus dem Kaukasusgebiet nach dem zentralrussischen Raum
umgeschlagen wurden, hatte auch das Entstehen großer Raffinerieanlagen in Stalingrad mit einer Durchlaßfähigkeit von 700.000 t pro Jahr zur Folge.
Das aus den holzreichen Gegenden Nordrußlands wolgaabwärts geflößte Holz für die Versorgung des Bergbaus in der holzarmen Ukraine sowie für den Bedarf des ebenfalls holzarmen kaukasischen
Raumes wurde in Stalingrad auf die Eisenbahn überführt. Da es zu diesem Zwecke geschnitten und bearbeitet werden mußte, wurde Stalingrad auch der Mittelpunkt einer leistungsfähigen Holzindustrie.
Die gute
Verkehrslage sowie die Nähe der Donezkohle und der ukrainischen Schwerindustrie begünstigten das Entstehen der mächtigen stahlerzeugenden und verarbeitenden Werke, die in erster Linie die heutige Bedeutung
Stalingrads als eines der größten und wichtigsten Rüstungszentren der Sowjetunion ausmachen. 1930/31 entstand das große Traktorenwerk »Dscherschinski«, das mit den Traktorenwerken in Charkow und Tscheljabinsk
zu den drei größten der Sowjetunion gehörte. Die Arbeiterzahl betrug etwa 20 000, die Ausbringung soll 1940 monatlich 3200 Traktoren des Typs »International« betragen haben.
Das Werk wurde schon vor dem
Ausbruch des Krieges teilweise auf den Bau von Panzerkampfwagen umgestellt. Es war zuletzt neben Tscheljabinsk (Ural) das leistungsfähigste Panzerkampfwagenwerk der Sowjetunion.
Die monatliche Fertigung
betrug ca. 250 Stück T 34 , dies war ungefähr die Hälfte der gesamten Produktion dieses Typs. Die Leistung des Werkes hatte sich seit dem Frühjahr durch evakuierte Maschinen erheblich erhöht. Außerdem war der
Stalingrader Vorort Krasnoarmeisk, ca. 30 Kilometer südlich an der Wolga gelegen, dadurch in den Produktionsprozeß mit eingeschaltet worden, daß auf der dortigen Werft Nr. 264 die in Stalingrad gefertigten
Panzerplatten zu Panzergehäusen zusammengeschweißt und dann zur weiteren Montage in das Stalingrader Traktorenwerk zurückgeschickt wurden.
Ab Mitte Juli 1942 wurde bereits mit der Evakuierung der
Einrichtungen des Stalingrader Traktorenwerkes begonnen, das mit den Traktorenwerken in Charkow und Tscheljabinsk zu den drei größten der Sowjetunion gehörte. Sein Ausfall reißt eine große Lücke in die sowjetische
Panzerfertigung, die in absehbarer Zeit nicht wieder geschlossen werden kann, zumal das Elektrostahlwerk »Krasny Oktjabr«, das den Stahl für die Stalingrader Panzerfertigung lieferte, wegen der Größe seiner Anlagen
nicht mitevakuiert werden kann. Dieses Werk »Krasny Oktjabr« war eines der größten und modernsten der Sowjetunion. Es besaß über 12 000 Arbeiter. Neben Panzerstahl wurden vor allem Artilleriegeschosse gefertigt. Die
Produktion soll monatlich ca. 60 000 Stück der Kaliber ab 7,62 cm aufwärts betragen haben. Die Sprengstoffe dazu lieferte das Stalingrader Sprengstoffwerk Nr. 91, das eine Belegschaft von etwa 8000 Arbeitern
aufwies.
Als drittes großes Rüstungswerk Stalingrads ist das Geschützwerk »Barrikady« zu nennen, das über ein eigenes Stahlwerk mit mehreren Martinöfen verfügte. Die Produktion erreichte monatlich ca. 100
Geschütze mittleren wie schweren Kalibers und damit einen hohen Prozentsatz der sowjetischen Gesamtproduktion.
Während die reine Kriegsgerätefertigung der Stalingrader Rüstungswerke durch Evakuierung und
Einbau in andere gleichartige Rüstungswerke im Ural in absehbarer Zeit zu einem Teil wieder zur Wirkung gebracht werden kann, bedeutet der Ausfall der nicht evakuierbaren Stahlerzeugungsanlagen, die an der
gegenwärtigen gesamten sowjetischen Stahlproduktion in Höhe von 8 bis 9 Millionen t pro Jahr mit 1 Million t pro Jahr beteiligt waren, einen schweren, nicht so bald wieder ausgleichbaren Verlust.
Von
besonderer Bedeutung war die frontnahe Lage Stalingrads, das rüstungsmäßig den Rückhalt der Südfront bedeutete. Ihr Bedarf an Panzerwagen, Geschützen und bis zu einem gewissen Grade auch Handfeuerwaffen und Munition
konnte zu wesentlichen Teilen von der Stalingrader Rüstungsindustrie gedeckt werden.
Der Verlust dieser Stadt würde daher die Versorgung der Südfront mit Kriegsgerät abhängig machen von den ca. 1000 und mehr
Kilometer entfernten Rüstungszentren des südlichen und mittleren Ural sowie der oberen Wolga .
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